In Google Streetview lassen Sie sich verpixeln – aber in ihood lassen Sie die Hosen runter

Seit einigen Tagen sind nun also auch die größten deutsche Städte in Google Streetview zu finden. Viele Häuser mussten auf Wunsch der Anwohner von Google “verpixelt” werden:

streetviewmuc

Ein aktueller Ausschnitt aus Google Streetview mit verpixeltem Haus im Münchner Westend.

Während sich alle Welt über den Schutz der Privatsphäre auf Google aufgeregt hat,  gibt es längst ein Internet-Angebot, das weitaus größere Auswirkungen auf die Privatheit der Bürger hat – ihood. Und da sind Sie schon voll dabei – egal wo Sie wohnen und ob Sie irgendwelche Bedenken in Sachen Datenschutz und informationellem Selbstbestimmungsrecht haben:

ihood erfasst Daten zum sozialen Status jeden einzelnen Gebäudes. Hier zum Beispiel das Haus Rothpletzstr. 57 in München Milbertshofen. Mit einem lokalen Ranking von “3” für den sozialen Status eine deutlich benachteiligte Gegend der bayerischen Landeshauptstadt:

ihood_milbertshofen

In der Maximilianstraße, einer der Münchner Flaniermeilen, sieht es da schon anders aus:

ihood_maximilianstraße

Der soziale Status schlägt fast schon rechts an (Nein: kein Wortspiel!). Der höhere Ausländeranteil (Österreicher?) wird durch den hohen Akademiker-Anteil leicht wett gemacht. Die dominante Auto-Marke ist nicht mehr einfach “europäisch”, sondern bestes schwäbisches Blechle, eben “Mercedes”. Kein Wunder, dass die Fluktuation hier eher gering ist.

Aber woher weiß ihood das alles eigentlich? Und auch noch deutschlandweit?

Lassen wir ihood selbst zu Wort kommen:

“Wir haben aus einer Vielzahl von statistischen Informationen für jedes Haus in Deutschland einen statistischen Gesamtwert errechnet, der die Attraktivität der Wohngegend anhand des gesellschaftlich-sozialen Status der Bewohner widerspiegelt. Dieser Wert sowie 10 weitere Bewertungskriterien und die zahlreichen „POIs“ können von den ihood-Nutzern für nahezu jede Adresse in Deutschland in Echtzeit abgerufen werden. Die Straßenabschnitte sind so eingeteilt, dass sie insbesondere längere Straßen sinnvoll unterteilen, z.B. von einer Straßeneinmündung bis zur nächsten oder von einer Brücke bis zu einem Kreisel. Für die Berechnung unserer Informationen wurden aus datenschutzrechtlichen Gründen nur Personen ab 18 Jahre berücksichtigt. Sofern in einem Haus weniger als vier Haushalte leben, haben wir mehrere Häuser zusammengefasst.”

Und warum machen die das? Nehmen wir sie wieder beim eigenen Wort:

“ihood ist eine Informationsplattform, mit der Sie kostenlos und deutschlandweit Informationen über die Attraktivität von Wohngegenden erhalten. Nach Eingabe der Adresse (oder Teilen davon) erhalten Sie Auskünfte über das Wohnumfeld und können sich über soziodemografische Merkmale wie beispielsweise Familienanteil, Altersstruktur oder Erwerbslosenquote in dem betreffenden Haus oder Straßenabschnitt informieren.”

Und jetzt wird’s heftig: denn ihood definiert das soziale Niveau einzelner Gebäude und ganzer Straßenzüge im Vergleich zur Nachbarschaft. Und wollen wir wirklich, dass man im Internet erfährt, dass die Kaufkraft in der Oberstadt höher ist, als in der Unterstadt – egal, ob das dann stimmt oder falsch ist?

Hier werden Menschen in Abhängigkeit von ihrer Wohngegend abgestempelt. Wohnt ein Akademiker neben mir, geht mein Ranking rauf, ist der Doktor ein Ausländer, geht’s wieder runter. Google Streetview hat mich persönlich nie gestört – aber es ist gut, dass Bürger so mal wieder über Datenschutz diskutieren. Klartext: Ich bin gegen die alberne Verpixelei! ihood aber stört mich mächtig. Wo bleibt die öffentliche Erregung?

3 Kommentare
  1. Michael Höppner
    Michael Höppner says:

    Leider ist die Beurteilung per räumlichem Umfel ja schon lange Gang und Gäbe für die Kreditwürdigkeit – und das kostet nicht nur Zeit sondern mitunter bares Geld. Jetzt wird Ähnliches aber für jeden einsehbar – und in dieser Ausweitung der Quantität liegt eine erst zu nehmende Gefahr.

  2. Madeleine
    Madeleine says:

    Ich konnte nicht anders. Ich musste unbedingt die Straße prüfen, in der ich wohne… Erstaunlich! Das Ergebnis brachte mich aber eher zum Schmunzeln.
    Solange keine Bewertung über mich auf der üblen, amerikanischen site „rottenneighbor.com“ verzeichnet ist, bleibe ich entspannt…

    Jetzt muss ich aber los: Ein wenig Nachbarschaftspflege betreiben!

  3. Stefan Staub
    Stefan Staub says:

    Mal abgesehen von dem Lookalike des Googlestreetview und dessen optischer Darstellung ist der Kern dieses Dienstes schon „uralt“ (gemessen in Internetzeitabschnitten ;-)).
    Im stillen Kämmerlein machen dies schon lange die bekannten Datenschutzgeheimniskrämer wie Schufa (hier sehr interessant wie der Bock sich selbst zum Gärtner macht:Schufa-Datenschutzsiegel!-Der Teufel verkauft Weihwasser, geniale Marketingidee). Aber auch im Offlinezeitalter gab es schon diverse CDs zum Kauf für jedermann mit solchen Geodaten.

    Zwei Dinge stören mich enorm an diesen Diensten:
    1. Die wieder eingeführte Sippenhaft! Mein Nachbar ist pleite-ich bekomm bei der Bank, Onlineshop etc. einen Malus als „Vorschuß“! Hoch lebe die moderne Gesellschaft…
    2. Die unglaubliche Intransparenz: Woher stammen die Daten im Einzelnen? Sind diese wirklich legal erhoben und übermittelt? Alles Fragen, aber keine ausreichende Antworten.

    Und schmunzeln -oder besser weinen- läßt mich das Zitat:“…Für die Berechnung unserer Informationen wurden aus datenschutzrechtlichen Gründen nur Personen ab 18 Jahre berücksichtigt.“ Per se gibt es keine Unterscheidung zw. Minderjährigen und Erwachsenen im Datenschutzrecht. Und außerdem ist ja sowieso alles kumuliert…

    rottenneighbor? rottensociety!

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