Von verpatzten Erfindungen

Was hat der Benz Patent-Motorwagen mit einem Computer gemeinsam?

 

Erfindung des Benz Patent-Motorwagen
„Benz Patent-Motorwagen Nr.1“ by DaimlerChrysler AG – Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

 

 

 

 

 

 

Gut, es gibt Erfindungen, die haben sich durchgesetzt, obwohl niemand an sie geglaubt hat. Angefangen beim Kraftfahrzeug, denn jedermann belächelte Bertha Benz auf ihrer Fahrt von Mannheim nach Pforzheim im Benz Patent-Motorwagen. Und was entstand daraus? Die zunächst skeptische Öffentlichkeit erkannte das Zukunftspotenzial dieses Kraftwagens für eine massentaugliche, moderne Fortbewegungsart. Wie diese Änderung der Einstellung zum neumodischen Kraftfahrzeug endete, weiß heute jeder.

Informations- und Telekommunikation für Heimanwender? Das wird nichts!

Auch an die Erfindung des Computers in der heutigen Form hat die breite Masse nicht so recht geglaubt. Selbst die, die es eigentlich besser wissen mussten, zweifelten am Erfolg der heimtauglichen Informationstechnologie. Wer kennt ihn nicht, den berühmten Satz des IBM Chefs Thomas Watson: „Ich denke, dass es weltweit einen Markt für vielleicht fünf Computer gibt!“… Wie man sich doch täuschen kann.

Oder denken wir nur an den ehrenwerten Steve Jobs, der 2003 prognostizierte: „Das Abonnement-Modell für den Kauf von Musik ist gescheitert.“ Nein, ist es nicht. Regelmäßige und fundierte Erhebungen und Berechnungen verdeutlichen, dass der Markt für herunterladbare Musik in den letzten Jahren massiv zunimmt.

Veni, Vidi, Reverti

Aber es gibt auf der anderen Seite – sehr zum Leidwesen der betroffenen Unternehmen und sicher auch der Anwender – ein paar glorreiche und leider auch verpatzte ideenreiche Erfindungen, die im Prinzip nie eine echte Chance hatten. Und damit sind sicher nicht das T-Shirt-Faltbrett oder die quadratische Wassermelone gemeint. Nein, ich spreche von Soft- oder Hardware mit großem Potenzial, welches durch die Erfinder oder Programmierer nie richtig ausgeschöpft wurde. Schauen wir dazu zunächst auf eine der besten Kommunikationslösungen, die der Softwaremarkt jemals gesehen hat: Skype. 2003 in einer kleinen schwedischen Softwarebude ersonnen, luden allein in den ersten Monaten rund fünf Millionen Nutzer das Programm herunter und chatteten „kostenlos“ in Echtzeit und mit gesprochenem Wort. Wer seinerzeit die noch eher rar gestreuten Webcams besaß, konnte sich während der Unterhaltung auch noch sehen. Die Idee und Umsetzung war genial, wenngleich Telekommunikationsanbieter weltweit eher begeisterungsresistent darauf reagierten, verloren sie doch plötzlich einen großen Teil des Umsatzes vor allem bei länderübergreifenden Telefonaten. Das Prinzip war und ist, Telefonate über die Internetleitung abzuwickeln, die auch 2003 bereits bei vielen Anwendern aus einer Flatrate bestand. Somit kosteten die Telefonate quer über den Erdball praktisch nichts.

Ungeliebtes Kind mit wenig Perspektive

Danach ging alles schnell: Verkauf an eBay, Weiterverkauf an einen Investor, Verkauf an Microsoft, und dann endlich – geschah nicht mehr viel. Skype dümpelt in den Entwicklungsstadien vor sich hin. Mal hier ein kleines Update (der seinerzeit von Microsoft versprochene große Wurf in Sachen Update blieb bislang geschuldet), mal dort eine neue Bezahlpolitik. Aber so richtig zum Laufen kommt Skype nicht. Dabei hätte es das Zeug, die Kommunikationsplattform schlechthin zu werden.

Der nächste Aspirant auf den Titel „Gescheiterte Idee“ ist zweifelsohne die Chat-App und WhatsApp-Mitbewerber Threema. Die Grundidee der Programmierer aus dem malerischen Pfäffikon in der Schweiz ist genial wie simpel: Kreation eines intuitiv zu bedienenden Kurznachrichten-Tools, welches zudem mit berühmten Schweizer Sicherheitsattributen ausgestattet wurde, um ausspähsicher und einbruchsgeschützt kommunizieren zu können. Der Marktbegleiter WhatsApp stand nicht selten in der öffentlichen Kritik, weil hier mal wieder eine Sicherheitslücke entdeckt wurde oder dort eine Funktion zu sehr in die Privatsphäre der Nutzer eingriff. Threema war da von Anfang an „besser“ gestellt: zwar kostenpflichtig, aber sowas von save. Server nicht in den USA, Nachrichten komplett verschlüsselt und unknackbar. Tolles Konzept, aber…ja was eigentlich? Threema macht alles richtig, kommt aber mit 3 Millionen Nutzern gegenüber WhatsApp mit 600 Millionen Nutzern (Stand Ende 2014) nicht gegen den Platzhirsch an. Mundpropaganda und Mainstream-Denken ist offensichtlich noch höher im Kurs als Sicherheitsbewusstsein.

Von dunklen Tagen und bunten Augenblicken

Das letzte Beispiel für tolle Erfindungen, die nie richtig das Licht der User-Welt erblickt haben, ist wohl die Grafikpionier-Software Paintshop Pro. 1992 von Jasc entwickelt trat sie an, den Grafikbearbeitungsmarkt so richtig aufzumischen. Revolutionäre Werkzeuge, ein schönes zeitgemäßes Design und vor allem die Fähigkeit, Vektorgrafiken betrachten und bearbeiten zu können – da schlug so manches Hobby- und Profigrafiker-Herz höher. Die Software wurde zum heimlichen Renner – aber eben nur heimlich. Konkurrenten wie Adobe mit der Photoshop-Philosophie rüttelten an den Türen der Grafikstudios und Werbeabteilungen. Zu dieser Zeit belächelte die „bunte Zunft“ selbstredend das Microsoft Windows-Bordmittel „Paint“.

Anfangs verteilte Jasc die PSP Software als Shareware – weiß von Euch Jungspunden noch jemand, was das ist? J – dann kam alles anders. Zwölf Jahre später machte sich ein mit mehr oder weniger erfolgreichen Produkten wie CorelDRAW und WordPerfect bekannt gewordener Grafikriese über PaintShop Pro her: Heute vertreibt die Corel Corporation, die seinerzeit auch etablierte Marken wie Ulead, Roxio oder Pinnacle zum Frühstück verspeiste, die seinerzeit so beliebte PaintShop Pro Software noch unter gleichem Namen, aber mit der revolutionären Grafiklösung von damals hat die heutige Version nichts mehr gemeinsam.

Konklusion und Fingerzeig

Was könnten wir nicht alles haben, wenn nur die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung getroffen hätten. Natürlich gibt es viele Produkte, die ohne die Konzeption eines Vorreiters niemals entstanden wären – womit diese Vorreiter auch zu Ehren kommen. Und natürlich überleben in der freien Marktwirtschaft nun mal nur die Großen und Eifrigen. Aber vielleicht sind es Geschichten wie die von den Erfindungen des Motorwagens oder des Telefons, die einen Erfinder, Programmierer, Gedankenvater oder Bastler ermutigen, nach vorne zu blicken, Rückschläge wegzustecken, immer wieder aufzustehen und seinen Geistesblitz zu entwickeln – und zu vermarkten. Denn wie sagt doch eine goldene Marketingregel so schön: Misserfolg ist nicht mehr als ein temporäres Feedback.

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