Zukunft der Arbeit: Du bist der Reiter und nicht das Ross

Ich stolpere über diesen Beitrag http://www.elektroniknet.de/karriere/arbeitswelt/artikel/135293/?cid=NL und muss aus der Praxis über die Zukunft der Arbeit widersprechen. Hier wird gesagt, dass ein Umdenken der Unternehmen stattfinden muss dergestalt, dass der Ort und die Zeiten der Arbeitstätigkeit flexibiliesiert werden müssen. Aber: Das ist falsch. Zum Teil.

Wo wir arIMG_0606beiten, das ist für Kopfarbeiter in der Tat völlig egal.

Aber wann und wie lange wir arbeiten, nicht.

Wenn der Abend anbricht, legt sich der Job zum Schlafen nieder und dein Privatleben beginnt

Ich sage das als zweifache Mutter und ein Kind alter Eltern, die räumlich weit entfernt meine Fürsorge brauchen.

Plus: Ich habe während der Pflegebedürftigkeit meiner Eltern in deren Heimathaus per Internet prima weiterhin meinen Job erledigen können. Am Abend konnte ich sie besuchen, weil

ich um 19 Uhr den Comp heruntergefahren habe.

Minus: Wird die Arbeitszeit beliebig, leidet der Arbeitnehmer. Irgendwann am Tag muss einfach Schluss sein mit dem Job. Eine völlig offene Arbeitszeitregelung hilft keinem. Schon gar nicht denjenigen, wie @Bertram Brossardt sagt, die den Spagat zwischen Kindererziehung oder Pflegeaufgaben hinkriegen müssen. Dann bist du völlig zerrissen und hast keinen Kompass dafür, wann du endlich mal abschalten kannst.

Ein Job ist wie der Haushalt: Du bist nie fertig. Nie. Deshalb ist es auch egal, ob du heute oder morgen die Mails checkst. Die Welt geht nicht unter, wenn du erst binnen 24 Stunden antwortest.

Wann ist denn mal Schluss?
Soll ich um 23 Uhr noch E-Mails bearbeiten? Sind meine Antworten dann noch die, die Hand und Fuß haben, oder nur noch hingerotzte Mails nach dem Motto „Ich hab reagiert“?

Aus meiner beruflichen Erfahrung in der PR bei Microsoft und vibrio kann ich sagen: Wird keine zeitliche Grenze zwischen Beruf und Privatleben gezogen, ist der Mitarbeiter in Gefahr. Eine Uhrzeit, die dir sagt: „Ab jetzt bin ich privat“, ist der einzige Weg ins Glück. Für Arbeitgeber und -Nehmer.

Der Mitarbeiter sollte der Reiter sein, der sein Ross, also seinen Job, in die Richtung lenkt, die er will. Bei Manchen ist es so, dass die Jobliste der Reiter ist und der Mensch das Pferd, das sich vom Berufsalltag lenken lässt. Ändere die Position, sattle das Pferd Beruf und sag ihm, wohin du willst. Sei kein Ross, sondern sein Reiter.

 

3 Gedanken zu „Zukunft der Arbeit: Du bist der Reiter und nicht das Ross“

  1. Da kann ich Ruth nur recht geben. Der Arbeitgeber gibt das Ziel für den Ritt vor und setzt Rahmenbedingungen. Reiten muss der Mitarbeiter. Und der weiß besser, wann der Gaul müde ist und Wasser braucht. Aber Arbeitszeiten sind individuell und ändern sich mit der privaten Situation des Mitarbeiters.
    Ich habe in meinem Berufsleben als Chef Mitarbeiter erlebt, die nach der Geburt ihres Kindes mehr Zeit für die Familie eingefordert haben, aber auch solche, die dann lieber ein wenig länger im Büro geblieben sind. Es ist nicht mein Job, dieses Verhalten zu bewerten. es ist mein Job, beide Alternativen zu ermöglichen.
    Und es ist mein Job das mir Mögliche zu tun, dass Mitarbeiterinnen ebenfalls so viel Wahlmöglichkeiten haben wie nur irgend möglich. Es ist nun mal gesellschaftliche Realität, dass Frauen erheblich mehr Doppelbelastung von Beruf und Familie erleben müssen, als Männer, dass Erziehungsarbeit fast immer in erster Linie den Frauen zugeschrieben wird, dass Mütter nur davon träumen können nach der Geburt mal „ein wenig länger im Büro“ zu bleiben.
    Was also kann ein Arbeitgeber tun? Varianten ermöglichen. Und ein wenig ein Auge darauf haben, dass sich Mitarbeiter nicht aufarbeiten. Das gelingt (mir) nicht immer. und ich bin da nciht immer ein gutes Vorbild. Aber den Anspruch sollten Chefs haben. Wenigstens.

  2. Lieber Michael, der selbstbestimmte Mitarbeiter ist ein Traum. Wer mit Leidenschaft seinen Beruf ausübt, ist ständig in Gefahr, sich zu überfordern. Es macht ja Spaß und man ist wichtig. Ständig erreichbar zu sein und auch noch im Urlaub Mails zu beackern ist nicht gut. Das hat mittlerweile auch die Wirtschaft erkannt und kappt die Leitungen. VW ist keine Heilsarmee, der Konzern hat harte wirtschaftliche Interessen. Burnouts am laufenden Band gefährden die Produktivität.

    Die Chef-Vorgabe, wie lange gearbeitet werden darf, ist auf ein oder zwei Stunden hin oder her, sehr wichtig. Wer um Mitternacht noch Mails beantwortet, ist übermotiviert, in Gefahr, weil er sich nicht abgrenzen kann. Wer trotz schwerer Krankheit Konzepte schreibt, hat das Gefühl für sich selbst völlig verloren und sollte dringend einen Coach aufsuchen.

    Ich kann meine jungen Kollegen nur darin bestärken, ihre gute Balanze zwischen Job und Privatleben weiterhin so zu leben wie sie es tun. Ihr lebt nicht, um zu arbeiten. Ihr arbeitet, um im Leben gut auszukommen.

  3. Ruth hat recht und Mik auch: ich denke, es hängt ganz viel vom Mitarbeiter ab. Wir haben das Glück, in einem überschaubaren homogenen Umfeld zu arbeiten, wo wir in hohem Maße selbstbestimmt arbeiten können (müssen). Dadurch können die Mitarbeiter sehr gut mit flexiblen Arbeits- und Freizeitzeiten umgehen – auch im Sinne, des „vom Kunden gebraucht werden“. Es gibt aber auch andere Firmen, bei denen aufgrund vielfältiger unterschiedlicher Anforderungen die Mitarbeitschaft wohl wesentlich heterogener ist. Ich erinnere mich an eine Arbeiten-4.0-Diskussion, in der tatsächlich aus dem Publikum gefragt wurde: „Wer sagt mir im Home Office, wann ich anfangen soll in der früh?“ Solche Leute werden sich nicht nur mit selbstbestimmten Arbeiten schwer tun, sondern wohl mit allen Formen des „Work-Life-Blending“. Ein interessanter Artikel ausgerechnet im Manager Magazin fragt auch, ob das Gerede vom flexiblen Arbeiten, nicht eher ein Märchen ist und die Produktivitätsgewinne mehr herbeigeredet, denn real:
    Die Mär von der Freiheit – Büro war gestern, mit hochflexiblen Joblösungen werden Angestellte zu Mini-Entrepreneuren. Doch viel zu oft gerät die Autonomie zur Selbst¬aus¬beu¬tung: das Leben als Mogelpackung.
    Direkt zum Artikel: http://l.manager-magazin.de/V7cJnETY

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