Sotschis Guerilla-Kröte Zoich: Russland: 1 – Social Media: 0

Die Organisatoren der olypischen Winterspiele in Sotschi mögen sich zahlreiche Schnitzer erlaubt haben. In Punkte Social Media und Guerilla Marketing haben sie der Welt gezeigt, wo der Hammer hängt. Ganz unerwartet für einen monolithischen Apparat haben sie die subversive Kraft des Internet für ihre eigenen Zwecke eingesetzt. Alles was sie dazu brauchten war ein kreativer Designer, Willen zum Erfolg und die Bereitschaft, den (unvermeidlichen) Spott an „ihren“ Spielen nicht nur hinzunehmen, sondern zu fördern. Die Geschichte um Zoich, die Hypno-Kröte, liest sich wie ein gestrichenes Kapitel aus „1984“.


Es war vermutlich absehbar, dass sich die russische und die globale Opposition gegen die Regierung Putin online entläd, und man muss kein Prophet sein um zu erkennen, welche Form sie nehmen würde. Memes sind die Währung der Aufmerksamkeit im Social Media Zeitalter, und tatsächlich hat Sotschi hier mit #sochiproblems schon eine Goldmedallie eingefahren. Tausende von Tweets mit Bildern von kleineren oder größeren Hotelpannen sind ein Zeichen für den Druck der Internetgemeinde, sich über diese Spiele zu mokieren.

Diese Kraft nutzte die Regierung auf kreative Weise: zuerst rief sie 2011 einen online-Voting für ihr olympisches Maskottchen aus, und dann beauftagte sie einen freien Designer, einen kritischen, packenden, subversiven Vorschlag einzureichen. Yegor Zhgun gebührt die Ehre, diesen Auftrag mit Bravour erfüllt zu haben. Seine Kröte Zoich stürmte das Ranking und beendete die Wahl auf Platz 1. Echte subversive Vorschläge (die Themen wie Korruption oder die Kosten der Spiele aufgriffen) landeten auf den Rängen. Es versteht sich, dass die Initiatoren als Maskottchen wählten, was sie vermutlich von vornherein beschlossen hatten; Hase, Bär und Leopard. Ihr Ziel hatten sie erreicht: der Protest war in die Irre geführt worden, die Aufmerksamkeit der Internet-Gemeinde war erregt worden, und die Regierung hatte gezeigt, dass sie die Macht der digitalen Massen nicht fürchten muss.

Man muss die Pelzmütze ziehen vor diesem Kunstgriff der doppelten Subversion und darf gleichzeitig fragen, ob es stimmt, was Zhgun in einem Interview andeutete: Zoich war keine Gefahr für die Organisatoren der Spiele, weil er im Grunde ein Clown war. Wo Unmut sich in unterhaltsamen Späßen entlädt, da kann er keine Revolten anfachen. Die absurden Eskapaden eines Berlusconi könnten in die gleiche Kerbe schlagen; auch im Iran scheint die herrschende Klasse auf eine Mischung aus Clownerie und Charme zu setzen, um an der Macht zu bleiben.

Sollten wir die Sozialen Medien deswegen als Opium für das Volk verdammen? Ihr Rolle in der Jasminrevolution ist ein Argument dagegen. Während die Frage also noch der Klärung harrt, dürfen wir Deutschen uns zumindest ein wenig in Sicherheit wiegen. Bekanntermaßen haben wir keinen Humor. Clowns wirken nicht.

 

 

 

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