Meine CeBIT – Was wir aus und von Hannover lernen können / Teil 1: Mut zur Reform statt zur Lücke

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Nun ist sie also vorbei, die CeBIT 2009. Und sie hat uns genau das gezeigt, was wir alle erwartet haben: Rückläufige Ausstellerzahlen, rückläufige Besucherzahlen, positive Stimmungsberichte von Ausstellern und – selbstverständlich – positive Stellungnahmen der Veranstalter in den üblichen Presseverlautbarungen.

Für mich war es die zweiundzwanzigste CeBIT in Folge. Und ich möchte keine missen, weder die früheren, noch die diesjährige. Deshalb möchte ich in den kommenden fünf Tagen einige sehr persönliche Schlussfolgerungen  aus der diesjährigen CeBIT zur Diskussion stellen: was können wir aus und von Hannover lernen? WIR, die wir IT-Veranstaltungen organisieren, uns an solchen beteiligen oder sie einfach nur besuchen.

Um folgende Themen soll es heute und in den kommenden vier Tagen gehen:

Montag: Mut zur Reform statt zur Lücke

Dienstag: Die WebCiety – Hype oder Zukunft der IT-Messen?

Mittwoch: Green IT – ein alternativer Landfrauentag für Computer-Freaks?

Donnerstag: IT Security – Sicherheit nur noch für Spezialisten?

Freitag: Versuch einer Bilanz

Dann fangen wir mal ganz vorne an …

Wenn man die Medienvorberichterstattung in den letzten Wochen verfolgt hat, konnte man glauben, die diesjährige CeBIT würde nur aus einer gigantischen WebCiety, dem alles beherrschenden Thema Green IT und einigen todschicken neuen mobilen Endgeräten bestehen. Ach ja: und natürlich aus dem großen Terminator, dem California Cyborg und seiner neuen Liebe Cinderella Angie.

Weit gefehlt: Die CeBIT war natürlich auch in diesem Jahr der Bauchladen der Branche: von einer recht ordentlichen eHealth Area über einen Basar mit bunten Handytaschen, einer kleinen Foto-Ecke (mit wunderschöner kleiner Fotoausstellung), einer Telekom(munikations)halle, bei der sich die Deutsche Telekom fast wie zu alten Fernmeldeamtszeiten recht alleine breit machen durfte, über eGovernment, Finance (denen scheint es wirklich schlecht zu gehen), Hardware, Netzwerke bis zu ERP/BRM/CRM/BM/etc war alles vertreten, was heutzutage mit Computern arbeitet. Und genau das erscheint mir heute als Problem: die CeBIT ist nicht zu klein, sondern sie ist zu groß! Zu groß, um die wirklich wichtigen Trends und Tendenzen, die wirklich spannenden Innovationen zu finden.

Sie ist groß, weil IT heute längst eine Querschnitttechnologie geworden ist, und sie in ihrem Drang nach Komplettheit kein Thema ausgelassen hat. Wenn die CeBIT 2009 nochmals rund 25 Prozent Aussteller verloren hat, dann diente dies leider nicht der Fokussierung. Es sind alle Bereiche der ITK vertreten, aber keiner ist mehr komplett: die Netzwerktechnik ohne den Marktführer Cisco, die Software ohne Oracle, Adobe und Lotus, die IT-Sicherheit ohne Computer Associates, Sophos und Utimaco, die Hardware (fast) ohne Hewlett-Packard, Apple und Sony. Die Funktion einer kompletten Marktübersicht kann die CeBIT also nicht mehr bieten. Dafür ist sie zu klein. Aber für die Funktion auf Trends hinzuweisen ist sie zu groß. Wer schon weiß was er sucht, ist auf der CeBIT gut dran. Aber wer die Branche und ihre Bedeutung für unseren Alltag im Jahr 2009 kennenlernen will, der geht auf 200.000 Quadratmeter verloren.

Das Ganze wird noch dadurch verschlimmert, dass sich das Gelände der CeBIT heute der Verkleinerung der Messe ebenso erfolgreich widersetzt, wie vor Jahren ihrer ständigen Expansion: Um die West-Eingänge mit den modernen Hallen 25, 12 und 13 halten zu können blieben große Bereiche des zentralen Hallenkomplexes 14 bis 18 leer. Das aber sind die zentral gelegenen Hallen. Diese “Entkernung” der CeBIT hat zur Folge, dass man weite Wege gehen muss, bei Regen nicht mehr durch die Hallen gehen kann, weil dort die Eingänge versperrt sind und dass trotzdem noch zum Beispiel in Halle 15 gigantische kahle Weideflächen für Würstelesser entstehen, an deren Peripherie viele traurige Koreaner ihre OEM-Bleche im Wesentlichen untereinander und unter Ausschluss der Öffentlichkeit begutachten dürfen.

Der Bereich Forschung und Wissenschaft bildet in Halle 9 wie seit Jahren schon sein eigenes kleines Reich; als hätte er mit der Wirklichkeit unseres Wirtschaftslebens nichts zu tun. Warum werden die interessanten und innovativen Forschungsprojekte nicht ihren Themen zugeordnet? Wer sucht die 3D-Monitore von Fraunhofer im future parc, wenn sie ihren wichtigsten Einsatzort doch gerade in Pilotprojekten im Bereich eHealth finden? Hier hält das Festhalten an alten Traditionen eine sinnvolle Zuordnung nach großen Themen auf. In Halle 9 findet man übrigens auch eine tolle professionelle Anwendung für Microsoft Virtual Earth. Aber wer sucht sie da?

Ich denke, den Anspruch die ganze Branche abzubilden, muss sich die CeBIT abschminken. Sie versammelt aber noch immer tolle Innovationen, hervorragende Redner und neuerdings auch vermehrt interessante Debatten. Der Anspruch die ganze Branche abbilden zu wollen, verhindert aber eine stärkere Themenorientierung, eine vernünftige Fokussierung auf große Trends und Themen, eine bessere Übersichtlichkeit, ein vernünftiges didaktisches Konzept, mit dem einer breiten Öffentlichkeit die Bedeutung der ITK-Branche ermittelt werden könnte. Und auch der Fachbesucher wird nur glücklich, wenn er schon vorher weiß, wen er besuchen will. Und wenn er nicht wegen der Hallenschließungen im Regen stehen bleibt.

Ich wünsche der CeBIT mehr Mut zur Fokussierung, zur gezielten Verkleinerung, zum Experiment. Dass das gut gehen kann, hat der Erfolg der WebCiety ja gezeigt. Doch dazu morgen mehr.

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