EU-Kommissar Oettinger und die Sprache der Cloud

„Wenn jemand so blöd ist und als Promi ein Nacktfoto von sich selbst macht und ins Netz stellt hat er es nicht von uns zu erwarten, dass wir ihn schützen.“ Diese Aussage bringt den designierten EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft Günther Oettinger in Probleme.  Vielfach wird die Aussage als Beleg genommen, dass er als Fachfremder der Falsche für seine neue Position ist. Auf der ersten Blick haben die Kritiker auch Recht.

Oettinger wird vorgeworfen, die Fakten zu verkennen.  Die Promis hatten ihre Bilder nicht „ins Netz“ gestellt. Sie hatten iPhones benutzt, die Fotos automatisch in die privaten iCloud-Verzeichnisse der Anwender hochladen. Von dort wurden die Bilder durch einen gezielten Hack gekapert und in einer gezielten Aktion veröffentlicht. Also ein Punkt für die Kritiker. Doch das ist nicht das Ende der Geschichte.

Öffentliches Sprechen ist kein Tech-Speak

Oettinger steht ab heute vor dem gleichen Problem, dass jeden Tech-Redakteur betrifft: in wie weit muss man technsiche Sachverhalte von der Fachsprache lösen, damit sie lesbar und verständlich werden? Wie viele Fremdworte darf man verwenden, welche davon sind inzwischen Lehensworte geworden, die man nicht ersetzen kann. Die „Cloud“ etwa ist kein deutsches Wort, aber unersetzlich in der Beschreibung neuer IT-Phänomene. In der oben genannten Rede geht Oettinger sehr weit weg von der Fachsprache. Das wird ihm zum Verhängnis. Hätte er gesagt „Wenn jemand so blöd ist und […] Nacktfotos in die Cloud stellt hat er es nicht von uns zu erwarten, dass wir ihn schützen.“ hätten seine Kritiker ein Problem: der Mann hat aus deutscher Sicht Recht.

Die Deutschen und die Cloud

In Deutschland ist die Cloud nämlich oft synonym für fehldene Sicherheit und Kontrolle. Was in die Cloud kommt, wird geklaut. Wer sensible Daten dort speichert, ist dumm. So hat Oettinger das vielleicht gemeint. Also doch ein Punkt für Oettinger?

Apple und die Zwangscloud: Verbrauchschutz ist Datenschutz

Man mag über die Sicherheit der Cloud und die Weisheit ihrer Nutzung geteilter Meinung sein (ich persönlich tendiere zu einer cloud-freundlichen Sicht). Doch sowohl Oettinger als auch seine Kritiker verkennen, dass das Problem nicht bei der Intelligenz der Promis liegt, sondern bei der Tatsache, dass keine von ihnen wahrscheinlich wusste, dass ihre privaten Bilder in die Cloud wandern. Diese automatische Sicherung seitens der Apple-Geräte ist nichts, wovon ein 08/15-Anwender weiß. Apple erzählt das wohlweislich nicht sehr laut. iPhones funktionieren einfach. Bequem. Warnhinweise stören da nur.

Wenn Oettinger sich ein bisschen in seinem Metier eingefunden hat, wird er das vielleicht zum Thema machen: deutlichere Hinweise, gesetzlich vorgeschrieben, wo unsere privaten Daten landen. Vielleicht sogar ein Rechtsweg, um Entschädigung für Verlust und Hack einzuklagen. Es wäre ein starker Schritt zum Verbraucherschutz (und damit nicht allein sein Metier) und zur Sicherheit: Apple wird sich mehr Mühe geben müssen, die Daten seiner User zu schützen. Vielleicht sogar vor Geheimdiensten. Wenn die sexistische Farce, die der Datendiebstahl der Promis darstellt, ein Gutes haben soll, dann vielleicht diese Erkenntnis: Herr Oettinger, Sie müssen die Anwender nicht schützen. Aber Sie müssen dafür sorgen, dass Apple es tut.

P.S. Und stellen Sie sich einen Redenschreiber ein, der die IT versteht, bitte.

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