Ein Unternehmer-Leben in der deutschen IT-Industrie

Interview mit Dr. Hartmut Fetzer, Teil 1: Die Anfänge der deutschen IT-Industrie – Computer in die Produktion!

Er wollte eigentlich Lehrer werden, studierte dann Elektrotechnik und wurde einer der Pioniere der deutschen IT-Wirtschaft – zuständig unter anderem für numerisch gesteuerte Produktion und Kassensysteme bei Nixdorf: Nach 46 Jahren in der IT-Industrie hat sich Dr. Hartmut Fetzer, früherer Vorstand der Nixdorf AG und zuletzt Vorstand der Ferrari electronic AG, zum Jahreswechsel aus dem Tagesgeschäft verabschiedet. In einem ausführlichen Interview mit Michael Kausch spricht er über seinen Weg von der Starkstromtechnik zu Unified Communications, seine Entwicklung vom Wissenschaftler zum mittelständischen Unternehmer und über Produktstrategien in großen und kleinen Unternehmen.

Im ersten von fünf Teilen beschreibt er seine frühe Arbeit an Großrechnern und die Entstehung des Nixdorf Entwicklungszentrums Berlin.

Fetzer












Hartmut Fetzer (2. v.l.) vor Konrad Zuses Z1 im Berliner Technikmuseum. Rechts neben ihm sein Nachfolger, Stephan Leschke, Vorstand Ferrari electronic

 

Herr Dr. Fetzer, wenn ich richtig rechne, sind Sie 40 Jahre in der IT-Branche?

Um genau zu sein: es sind inzwischen 46 Jahre. Aber damals hat man es eigentlich noch nicht IT genannt. Ich habe das schöne Fach „Elektrotechnik“ studiert.

Warum haben Sie dieses Studium begonnen?

Nach dem Abitur 1958 wollte ich eigentlich Lehrer werden. Ich glaube – durchaus auch heute noch – ein gewisses Talent dafür zu haben, Leuten etwas beizubringen. Aber bei der Berufsberatung kam heraus, dass es bereits zu viele Lehrer gab. Als Alternative kam ich über einen guten Vortrag von Professor Mohr auf den Ingenieurberuf. Professor Mohr war damals der Chef-Elektrotechniker an der TU in Berlin und international renommiert.

Und so ging es los mit der Arbeit am Computer?

Noch lange nicht. Ich habe mich anfangs auf Starkstromtechnik spezialisiert: Transformatoren, neue Netze. Damit wäre ich heute vielleicht gefragt, wenn es darum geht, neue Stromnetze von der Nordsee zum Bodensee zu bauen. Mit diesen Themen diplomierte ich 1964 und hatte das Angebot bei Siemens anzufangen. Ich überlegte aber gleichzeitig, an der Uni zu bleiben. Ich fing dann als Assistent bei Professor Simon an, der einen Lehrstuhl für produktionstechnische Automatisierung aufbaute. Das war etwas komplett neues, gerade erst aus den USA rüber geschwappt.

Worum ging es denn dabei?

Professor Simon kam aus der Praxis, hatte seine Firma für Werkzeugmaschinen verkauft und das erste umfassende Buch über numerisch gesteuerte Werkzeugmaschinen geschrieben. Numerisch gesteuerte Werkzeugmaschinen haben eine digitale Steuerung und stellen Werkstücke über Arbeitsgänge wie Fräsen oder Bohren automatisch her. Dazu benötigen Sie ein Programm. In Amerika gab es erste Ansätze in einer sogenannten höheren Programmiersprache nicht die Arbeitsgänge zu beschreiben sondern das fertige Werkstück und dieses Quellprogramm auf einem Computer in die eigentlichen Steuerbefehle zu übersetzen und auf einem Lochstreifen auszugeben, den die Steuerung der Werkzeugmaschine einlesen konnte. Das war ein ganz neues Thema. Ich habe damals eine eigene Programmiersprache entwickelt: EXAPT1. Die ist hier und da sogar heute noch im Einsatz. Dafür habe ich den ersten Compiler geschrieben; der basierte auf FORTRAN, das kennt heute kein Mensch mehr. Aber klar! Sie kennen das noch? Na super, dann wissen Sie vielleicht auch, dass FORTRAN für alles Mögliche gut ist, aber nicht, um damit einen Compiler zu schreiben! So jedenfalls kam ich mit der Computerei in Berührung. Wir hatten an der Uni eine Z 25 von Zuse und eine IBM 1620, mit der ich vor allem gearbeitet habe. Das lief so: Man hat 500 Lochkarten in die Maschine eingelesen, das nannte sich Pass 1 des FORTRAN-Compilers; dieses las die Lochkarten mit meinem Fortranquellprogramm ein und erzeugte einen neuen Lochkartenstapel als sogenannte Zwischenausgabe. Dann folgten weitere 500 Lochkarten, Pass 2 des Compilers. Und so weiter. Nach ein paar Stunden war dann die Maschine bereit und ich konnte meinen Programmcode laufen lassen. Vorausgesetzt, er war nicht fehlerhaft – was er aber eigentlich immer war.

Und wie kamen Sie dann zur Firma Nixdorf?

Nun, wir haben mit fast allen führenden Firmen im Bereich Werkzeugmaschinen zusammengearbeitet, auch mit der RWTH Aachen standen wir in engem Kontakt. Das hat mir damals schon gezeigt, wie fruchtbar die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Wissenschaft sein kann. Ich habe auch viele Vorträge zu unseren Tätigkeiten rund um die Programmierung von NC-Maschinen gehalten. Und über Umwege ist so die Firma Nixdorf auf uns aufmerksam geworden. Bisher hatten deren Maschinen allein dazu gedient, das Rechnungswesen zu unterstützen, Kundendaten zu verwalten, Lieferscheine zu drucken und ähnliche Sachen. Es war etwas relativ neues, Computer auch in technischen Anwendungen und in der Produktion zum Einsatz zu bringen. Nixdorf hat dann zehn bis zwölf Leute an der Uni bezahlt, die von mir und einem Kollegen geführt wurden. Ziel war, die Nixdorf Rechner für technische Anwendungen nutzbar zu machen, folgerichtig nannte sich der Bereich daher auch TWE was für “Technisch Wissenschaftlicher Einsatz” stand. Neben Software wurde hier auch Hardware entwickelt, u.a. ein Terminal für Betriebsdatenerfassung, das dann zum Urvater der Kassensysteme wurde, die noch heute zu einem der Standbeine von Wincor-Nixdorf zählen.

Sie arbeiteten also extern?

Heinz Nixdorf hat mich zunehmend gedrängt, in seine Firma zu kommen. Aber ich wollte zunächst die Promotion abschließen, was 1968 dann der Fall war. Anschließend wechselte ich mit meinen zwölf Leuten in das Unternehmen. Wir waren das neue Entwicklungszentrum Berlin. Später wurden aus dieser kleinen Keimzelle dann rund 600 Mitarbeiter.

Lesen Sie am Mittwoch weiter, wie Bill Gates für seine Software warb und wieso viele erfolgreiche deutschen IT-Marken in den achtziger Jahren verschwunden sind.

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  1. […] Hartmut Fetzer, zuletzt Vorstand der Ferrari electronic AG, ist zum 31. Dezember 2011 nach achtzehn Jahren aus dem Tagesgeschäft des Unternehmens ausgeschieden. Zuvor war er unter anderem bei Nixdorf auf Vorstandsebene und in den frühen neunziger Jahren im Umfeld der ehemaligen DDR-Computerfirma Robotron tätig. Im zweiten  Teil seines Gesprächs mit Michael Kausch geht es um Bill Gates, den deutschen Sonderweg der mittleren Datentechnik und das Ende von Nixdorf als selbständige Firma. (Teil 1 des Interviews ist hier verfügbar.) […]

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