Warum Berlin auf dem Rad München links überholt

Die berliner Initiative „Volksentscheid Fahrrad“ hat den Zeitpunkt gut gewählt. Im besten Radfahrwetter erreicht ihre Kampagne den Höhepunkt (am 10. Juni nämlich). Die Begeisterung für das Rad  hielte sich in den Wintermonaten vermutlich in Grenzen. Aber nicht nur im kleinen Zeitrahmen sind die berliner gut aufgestellt: dem Fahrrad gehört die Zukunft im Stadtverkehr. Auch in München berät man über Radschnellwege, wie sie im berliner Vorschlag vorgesehen ist. Die Radler bei vibrio müssen sich allerdings noch gedulden. München, noch 2011 ein euopäische Vorzeigestadt in Sachen Fahrrad mit dem sechsten Rang im Copenhagenize Index, ist die „Radlhauptstadt“ durch Trägheit in den letzten Jahren abgerutscht. Die deutsche Nummer 1 ist jetzt Berlin. Und mit ihrer Initiative legen die Hauptstädter (ohne „Radl“) noch einen Zahn zu.

Das Rad - ideal für den Stadtverkehr

Rad-Schnellwege sind ein Teil der Forderungen der Berliner Initiative

Die Ziele der Initiative beheben Probleme, die auch jedem Münchner Radler gut bekannt sind: sichere Wege (also solche, auf dem man auch sein Kind fahren lassen würde), breite Radwege an den Hauptstraßen, ein Umbau gefährlicher Kreuzungen (mit Aufstellstreifen), schnelle Ausbesserung von beschädigten Wegen, Schnellwege für den Pendelverkehr aus dem Umland, Planstellen für die Verwaltung und bei der Bekämpfung von zugeparkten Fahrradwegen und Fahrraddiebstahl.

Als leidenschaftlicher Radfahrer (mit einer Historie von zehn Jahren unfallfreiem Fahrradpendeln aus dem Umland in die Innenstadt) blicke ich etwas neidisch in die Bundeshauptstadt. Manchmal scheint es fast, als wäre es nicht nur ein Vorsprung in der Planung und Umsetzung neuer Konzepte, sondern in der gesamten Geisteshaltung. Auch in München ist Radfahren ein Thema, dass es regelmäßig in die Breitenmedien schafft. Nur meistens ist der Tenor dann ein unterhaltsamer – es geht seltener um die teilweise haarsträubenden Radwege (die Lindwurmstraße und der Altstadtring etwa), sondern um die Radler selber.

Das Rad als Alternative zu MVV und Auto

Aber noch öfter als Klagen über die Manieren der Radfahrer hört man vor allem an der Kaffeemaschine Beschwerden über Staus und die unzuverlässige S-Bahn. Quasi täglich gehen den Kollegen Viertel- oder halbe Stunden ihrer Lebenszeit verloren, weil sie auf diese Verkehrswege angewiesen sind. Die Tiefgarage des Edisonpark hat Platz für 60 Autos, aber nur 10 Fahrräder (und nicht einmal die werden voll). Das hat viele Gründe, und es ist jedem Einzelnen freigestellt sich seinen Weg zu wählen. Aber die Stadtplaner, die Verkehrsexperten von Ländern und Bund, könnten vermutlich mehr gegen den Stau, Unfallzahlen, Umweltverschmutzung und für die Gesundheit ihrer Bürger tun. Sie dürfen den Radverkehr nicht mehr stiefmütterlich als Freizeitvergnügen behandeln, sondern als echten dritten Weg des Nahverkehrs. Berlin, als größte Metropole des Landes sicher in besonderem Maße mit den oben genannten Problemen konfrontiert, ist dem Rest der Republik ein gutes Stück voraus.

Bild von ProfDEH – Original photograph, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4604722

4 Kommentare
  1. Hans
    Hans says:

    Von Aussen schaut alles immer viel schoener aus.Lass Dir von jemandem, der gute Teile der Kindheit in Berlin verbracht hat und auch heute noch oft dort ist, erzaehlen, dass da Welten dazwischen liegen. Welten in denen Muenchen vorne weg ist. Die mehrzahl der Radwege in Berlin besteht aus einer Farblichen Kennzeichnung auf dem Buergersteig, oder, in neueren Gegenden aus Schutzstreifen auf der Strasse. Waehrend erstere nicht nur extrem schmal sind, sienen in Berlin Buergersteige auch traditionell als Parkplaetze und Abstellflaechen fuer alles vom Kinderwagen bis zum Sperrmuell. Als Radler weicht man da lieber doch auf die Strasse aus. Und Schutzstreifen sind fuer die Autofahrer eh nur unverbindliche Epfehlungen. Fahrradfahren war in Berlin bis Ende der 90er ungefaer so normal wie in Manhatten. In einer Zeit als in Muenchen schon praktisch jede neu gebaute oder ueberholte Strasse einen richtigen Radweg erhielt. Von einem so niedrigen iveau aus ist es natuerlich nicht nur leicht, Verbesserungen zu schaffen, sondern auch gut die Buerger zu mobilisieren. Wo nix ist, kanns nur Aufwaerts gehen.

    Und als Umlandfaherer solltest Du taeglich 3 Mal gen Staatskanzlei beten, dass die Landstrassen inzwischen weitgehend mit paralellen Rad/Fussgaengerwegen ausgestattet sind. Egal wie idiotisch manche Kreuzung ist, das ist imemr noch besser als die rund um Berlin gaengigen Strassen komplett ohne Radwege.

  2. Michael Höppner
    Michael Höppner says:

    @Hans Mir gefällt der Kommentar der Copenhagenize Index zu Berlin: „Berlin as a bicycle city is like Berlin as an everything else city. It’s a bit rough around the edges, it could be much better, but people get on with it.“ – und ich würde mir auch selber nicht anmaßen, die beiden Städte vergleichen zu wollen. Aber ist es nicht vielmehr das Landratsamt, das für die Fahrradwege zuständig ist? Der Staatskanzlei käme der Danke also nicht zu.

  3. Bebbi
    Bebbi says:

    In Deutschland geht es darum, welche Kommune weniger stark hinterher ist hinter dem Status, den sie längst hätten erreichen müssen – nicht darum wer voraus ist.

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