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Markus Pflugbeil twittert unter www.twitter.com/markuspfl

Web 2.0 in der Unternehmenkommunikation – einfach, schnell und billig???

Als PR-Agentur erhalten wir von unseren Kunden und Interessenten Fragen wie diese: Können sie uns nicht mal ein schnelles erfolgreiches Filmchen für YouTube produzieren? Können sie nicht mal schnell mehr Besucher auf unsere Webseite bringen? Können sie für das neue Produkt nicht mal schnell eine interaktive Webseite bauen? Können sie mal recherchieren, welche Blogs für uns wichtig sind? Können sie nicht mal schnell Web 2.0 …?

Grundsätzlich lautet unsere Antwort – schließlich sind wir Dienstleister – meistens: ja wir können! Dann zeigen wir schöne Beispiele, eigene und fremde, diskutieren Ideen und legen schließlich Realisierungskonzepte vor. Und dann kommt das böse Erwachen: irgendein Verantwortlicher muss dem Konzept abschließend zustimmen und aus irgendeinem Topf muss es bezahlt werden.

Nur in welche Zuständigkeit fallen Web 2.0 Aktivitäten? Ist das Direkt-Marketing? Oder Imagewerbung oder Markenkampagne? Oder doch PR? Oder doch Produktmarketing? Oder soll es nicht eher nur Lead-Generation sein? Diese Antworten auf diese Fragen verdeutlichen die Probleme für Unternehmen: von Allem etwas und damit ist (oder fühlt sich) Keiner zuständig. Gleiches gilt für das Budget: wenn Keiner zuständig ist, muss auch Keiner bezahlen. Und wer im Übrigen glaubt, dass, nur weil es Flatrates gibt und in YouTube alles so leicht aussieht, sei Web 2.0 billig und schnell zu haben, täuscht sich:

1. Auch eine Web 2.0 Aktion sollte integriert und nachhaltig geplant sein – die Zeiten des „einfach online“ stellen sind vorbei. Wie bei allen klassischen Marketing- und PR-Aktivitäten gilt: ergänzt Eins das Andere und wie lassen sich Synergieeffekte erzielen?

2. Web 2.0 bedeutet Interaktivität, Engagement und schnelle Reaktion, sowie Transparenz und Offenheit – das widerspricht althergebrachten Prozessen der Unternehmenskommunikation und wahrscheinlich sogar irgendwelchen ISO-Normen. Aber das Web 2.0 erfordert genau das. Langwierige Abstimmungsprozesse und Klärungen von Zuständigkeiten müssen im Web 2.0 der Vergangenheit angehören; alte Stellenbeschreibungen und Positionen (Pressesprecher, Marketing Manager, Direct Marketing Specialist, aber auch Product Manager und Systems Engineer) werden um neue Aufgaben mit mehr Eigenverantwortung und ggf. direkter Verantwortung für die Außenkommunikation (ohne mehrfache interne Rückversicherung!) ergänzt.

3. und Letztens und am Wichtigsten: Unternehmen müssen klären, was sie im Web 2.0 wollen! Wenn diese Frage beantwortet ist, klären sich auch die Fragen nach der Zuständigkeit und den Budgets. Wir, als Agentur, helfen Unternehmen gerne dabei, die Potenziale des Web zu identifizieren und anschließend auszuschöpfen.

Was ich in aller Kürze mitteilen wollte: einfach, schnell und billig funktionieren PR und Marketing auch im Internet nicht (mehr) – darüber sollten sich Unternehmen klar sein, die den Web 2.0 Zug nicht verpassen wollen.

Im Übrigen handelt es sich bei der obigen Beschreibung natürlich um nichts Neues, aber dafür wurde mir die alten Themen in den letzten Tagen und Wochen wieder neu bestätigt…weshalb ich es für notwendig hielt, diese Hinweise wieder mal aufzuwärmen.

Was isch ein Corporate Blog? Der Daimler-Blog??

Was isch ein Coporate Blog überhaupt? Mit dieser Frage im sympathischen schwäbisch leitete Uwe Knaus, Projektleiter des Daimler-Blog, sein kurzes Referat im Rahmen des Social Web Breakfast in München ein. Thomas Koch von Kongress Media hatte aus Anlass des einjährigen Geburtstags des Daimler Blogs eingeladen und rund 40 Gäste waren dem Termin in die Lounge 2 im Münchner Mathäser Kino gefolgt.

Die Teilnehmer

Spannend war dabei, wie man nach einer Stunde Vortrag und Diskussion die Teilnehmer einordnen konnte: ein Teil von PR-Agenturen mit dem Ziel, Blogs als Quelle für Journalisten zu nutzen, ein Teil aus Unternehmenspressestellen, mit den Schwierigkeiten Social Media in den traditionellen Strukturen unterzubringen, ein Teil Quantifizierer mit Fragen nach Zugriffszahlen und vorher/nachher Image und ein Teil, der verwundert war, dass ein Markenunternehmen wie Daimler ein derartiges Biotop in seiner Kommunikation zulässt – zu letzteren dürfen sich wohl der Czyslanszki-Forscher Tim Cole und ich zählen. Herzerfrischend, spannend und mit zahlreichen Beispielen aus seiner einjährigen Erfahrung mit dem Daimler-Blog ging Knaus auf alle Fragen offen und ausführlich ein. Seine Eingangsfrage beantwortete er gleich selbst und betonte, dass Blogs nach wie vor vielen Leuten unbekannt seien.

Definitionen

Bevor ich noch auf ein paar Details eingehe, die ich spannend fand, möchte ich mich noch zur Definition äußern: denn das, was Herr Knaus macht, ist meines Erachtens nicht DER Corporate Blog, sondern eine Form eines Corporate Blogs. Wer den Klick noch nicht gewagt hat: Daimler Mitarbeiter bloggen dort über ihre Arbeitswelt bzw. „Gedanken, die sie während der Arbeit haben“, ohne Themenvorgabe, ohne Orientierung an oder Steuerung durch Corporate Communications oder Marketing: es gibt keine strategischen oder taktischen Kommunikationsziele oder Ergebnisvorgaben. Das Themenspektrum ist entsprechend viefältig und reicht vom Krippenplätzen über Kantinenqualität und die Kritik am 3-Liter-Auto bis hin zu Erfahrungsberichten aus Praktika.

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Impulse für das Bloggen

Da sitz ich nun und hab in 15 Minuten drei Mal das Thema gewechselt – zum Glück nur gedanklich und nicht schon in Textform. Was wollte ich eigentlich bloggen? Ach ja, die schöne Geschichte aus der Süddeutschen Zeitung, von wegen, dass der Spiegel und Atlantic Monthly sich in der aktuellen Ausgabe sehr ähnlich sind…ein kurzer Streifzug hat mich dann aber wieder davon abgebracht, denn dazu ist schon alles gesagt, hauptsächlich bei den üblichen Verdächtigen und ihren Kommentierern. Meine Meinung zu der Geschichte gibt am besten das CIO Weblog wieder:

Die Geschichte selbst ist typisch „Spiegel“: Ein paar Thesen in den Raum gestellt und dann dazu zusammengewürfelte Zitate als Beleg angeführt.

Also ein Blick ins Archiv, was wollte ich denn immer schon mal bloggen, und schwupps bin ich, alter Anhänger der Süddeutschen, schon wieder bei der selbigen:

Dort ist heute ein interessanter Beitrag erschienen, in dem vom „prominentesten Blogger der Schweiz“ (SZ) berichtet wird: der Schweizer Minister Moritz Leuenberger pflegt laut SZ ein wirklich lesenswertes Weblog, das es angeblich auf bis 2.800 Besucher pro Tag bringt: http://moritzleuenberger.blueblog.ch. Für Österreich und Deutschland findet die SZ hingegen keine vergleichbar guten Politiker-Blogs. Vielleicht äußern sich die Schweizer Kollegen mal zu dem Blog ihres Ministers. Also bis auf diesen Hinweis wieder ein Thema weniger für mich…

Aber jetzt, was Aktuelles, zugegebenermaßen nicht ganz aktuell, denn die SZ hatte schon am 22. Juli über die china- undolympiakritischen YouTube Videos der französischen Regisseurin Ariane Mnouchkine berichtet, erstaunlicherweise allerdings ohne Links in der Printausgabe. Online ist der Beitrag abrufbar und die YouTube Videos sind sogar sauber eingebettet.

So, das waren die drei Themen, die ich mir eigentlich ausführlicher vornehmen wollte. Dabei ist mir nun ein Viertes eingefallen, das jetzt aber warten muss: nämlich die Schwierigkeit, die ich als Leser nicht nur bei der SZ beobachte, online und print zu verknüpfen; sowie die Frage, ob es sinnig ist oder nicht, vereinzelte Beiträge mit Links abwechselnd ins Feuillton und auf der Medienseite unterzubringen, wobei die deutlich interessanten eigentlich eher im Kurznachrichtenstil im Feuillton stehen…

Nicht-Veröffentlichungs-Vereinbarung für Journalisten – ein Widerspruch!?

Eine heiß geführte Diskussion zu Vertraulichkeitsvereinbarungen, bei angelsächsischen Öffentlichkeitsarbeitern auch Non-Disclosure-Agreement, kurz EnnDiehÄih (NDA), genannt, ist gestern in dieser Agentur entbrannt. Demnach ergibt sich heute folgender Diskussionsstand:

  • Im Zeitalter der globalen Echtzeit-Kommunikation, die nicht nur von Journalisten bestimmt wird, hat ein NDA nur begrenzten Wert. Wenn z.B. ein anonymer russischer Blogger Gerüchte veröffentlicht, ist das NDA gefährdet, da unter NDA stehende Journalisten immer auf diese öffentliche Quelle verweisen können.  Die Quelle selbst lässt sich dabei juristisch nicht verfolgen.
  • Bei dem zunehmenden Konkurrenzdruck zwischen den Medien und zwischen Medien und anderen Quellen wie Blogs oder Foren, besteht die Gefahr, dass das Risiko wegen eines nicht eingehaltenen NDAs verfolgt zu werden, geringer eingeschätzt wird, als der Vorteil durch die frühzeitige Veröffentlichung.
  • Langjährige unabhängige Beobachter von Unternehmen können sich meistens aus offiziellen Unternehmensmitteilungen, Gerüchten und Markteinschätzungen zusammenreimen, welches Thema unter NDA steht. Spekulationen sind nur schwer zu verbieten.
  • Ein NDA greift und lässt sich offenbar juristisch auch durchsetzen.

In  der Praxis stellen sich mir jedoch einige Fragen bzw. sollten vor dem Griff zum NDA einige Fragen geklärt werden:

  • Warum ist das NDA überhaupt notwendig? Journalisten sollten doch eigentlich berichten und nicht nicht-berichten.
  • Muss es ein NDA sein oder reicht eine Sperrfrist bis zum gewünschten Veröffentlichungszeitpunkt? (Auch hier ist zu beachten, dass der Konkurrenzdruck, s.o., möglicherweise dafür sorgt, dass die Sperrfrist nicht eingehalten wird.)
  • Wurde der unter NDA gesetzte Sachverhalt oder das Produkt möglicherweise schon anderen Zielgruppen vorgestellt? Wenn ja, ist zu prüfen, ob dort auch eine strenge Geheimhaltungsvereinbarung angewendet wurde. Häufig passiert es, dass z.B. Vertriebspartner über neue Produkte informiert werden, ohne unter NDA zu stehen. Das NDA für Journalisten wäre damit wirkungslos, wenn sie sich wieder auf eine öffentlich zugängliche Quelle, z.B. ein Partner-Interview stützen können.
  • Sind Journalisten überhaupt die richtige Zielgruppe für das NDA? Wenn sie sowieso nicht veröffentlich sollen, brauchen sie dann die Infos überhaupt?
  • Warum lässt man für manche Aktionen ein NDA unterschreiben (Produktpräsentation vor einer Gruppe) für andere (informelles Hintergrundgespräch mit dem Geschäftsführer) nicht?

Abschließend plädiere ich vor diesem Hintergrund dafür, ein NDA so zurückhaltend wie möglich einzusetzen und die Laufzeit auf so kurz wie unbedingt notwendig zu beschränken. Es mag Situationen geben, wo man für einige Tage Detail-Informationen bis zu einer zentralen, globalen Produktvorstellung zurückhalten will oder einem Journalisten vor Redaktionsschluss Informationen für die nächste Ausgabe mitteilen will. Alles andere ist aber eine Zumutung für Journalisten und Öffentlichkeitsarbeiter, die fürchten müssen, wegen eines „Lecks“ belangt zu werden – und das, obwohl ihr Auftrag eigentlich die Öffentlichkeit und nicht die Nicht-Öffentlichkeit ist.

Ein paar Links dazu zum Schluss noch:

  • Schöne Kommentare auf ein Blogpost von Thomas Knüwer, der an dem Sinn der Sperrfristen zweifelt.
  • Interessanter Aspekt aus der Computerspiele-PR, wo Hersteller offensichtlich versuchen, bestimmte Informationen per NDA von der Berichterstattung auszunehmen. (Mit Strg+“+“ lässt sich übrigens ddie Darstellungsgröße der Schrift beim IE und FF vergrößern.) Dies Beispiel zeigt auch deutlich, dass der allzu umfassende Umgang mit NDAs zu negativer PR führen kann.
  • „Don‘ trust bloggers“ darf nicht das Ergebnis der Diskussion sein, wenn es um die Einbindung von Bloggern in die PR geht. Ausführliche Überlegungen dazu auf Englisch hier.
  • Schönes Beispiel für ein NDA von einem vielen (noch) sympathischen Unternehmen. Google stellt sein NDA, das angeblich alle Besucher unterschreiben müssen, natürlich nicht öffentlich zur Verfügung, deshalb hier eine unautorisierte Version. Es wird sogar spekuliert, dass der Inhalt des NDAs unter NDA steht (das gilt allerdings für Mitarbeiter NDAs):

Google Mitarbeiter werden wahnsinnig, wenn sie ihr Non Disclosure Agreement nochmal durchlesen und realisieren, was sie sagen dürfen, nicht sagen dürfen und nicht sagen dürfen, was sie nicht sagen dürfen. (…)

Mein ideales Social Media Release – ohne Bullet Sh.. im Vorspann!

Als Journalist oder PR-Texter sollte man gelernt haben, komplexe Sachverhalte auf das Wesentliche reduziert verständlich darzustellen. Weil das zugegebenermaßen manchmal wirklich hohe Kunst ist , hat man jetzt mit dem Social Media Release eine Ausrede, Fakten ohne Zusammenhang in Bullet Points darzustellen. Bullet Sh.. sage ich dazu. Oder traut man vielleicht dem Web Zwonuller nicht zu, zusammenhängende Absätze zu lesen?

Wie sagte Christoph Witte, Herausgeber der Computerwoche, unlängst auf einer Veranstaltung von vibrio: Journalisten seien zwar nicht faul, aber sie haben wenig Zeit. Warum sollen sie dann, statt den bewährten zusammenhängend lesbaren Vorspännen, Englisch: Teasers, für ihre aktuellen Nachrichten, Bullet Points entfernen und wieder lesbare Absätze bauen müssen? Verstehe ich nicht. Meine Ideal-SMR ist mit druckreifem Vorspann OHNE Bullet Sh…äh Points.

Dagegen, dass weitere Fakten NACH dem Vorspann stark gegliedert oder gar mit Bullet Points aufgelistet werden, habe ich aber nichts.

Dank Tipps des Kollegen Broy bezieht sich dieser Beitrag auf die latenten Debatten um das Social Media Release, z.B. hier und ein Beispiel für besonders viel Bullet Sh.. hier. Sorry für die Assoziation mit dem Bullsh.., aber sie passt halt in dem Fall so schön.

Im übrigen ist der angegebene Social Media Newsroom ein gutes Beispiel für die zunehmende Schizophrenie in der PR: will man nun Journalisten etwas mitteilen, das sie anschließend veröffentlichen sollen oder will man dort direkt mit den „Konsumenten und Online-Multiplikatoren“ in Diskussion treten. Für die letzteren Zielgruppen bräuchte man eigentlich keinen Newsroom, da würden die normalen Social Media Angebote wie Blog mit Kommentarfunktione etc. doch schon ausreichen. Oder, spannend umgekehrt gefragt, wofür braucht es dann eigentlich einen Newsroom, social oder nicht, noch?

Browser-Tabs und -Register sind erfunden – ein Tipp!

Wenn man sich die Debatte auf dem Kooptech-Blog so ansieht, könnte man meinen, neue Web-Technologien seien an Journalisten und Rezipienten spurlos vorübergegangen. Demnach setzen Journalisten keine Links in Online-Beiträgen, weil sie Angst haben, dass Ihnen die Leser abhanden kommen könnten.

Aus persönlicher Erfahrung halte ich es mit längeren Online-Artikeln wie folgt: Artikel lesen und die enthaltenen Links, sofern sie interessantes versprechen, während des Lesens einfach mit dem Browser in einer neuen Registerkarte (IE) oder einem neuen Tab (FF) öffnen. Nachdem man nun den Ausgangbeitrag gelesen hat, kann man durch die geöffneten Register oder Tabs stöbern. Wenn man ein komplett neues Thema erwartet, einfach ein neues Browserfenster öffnen und dann wieder die Register. Funktioniert hervorragend und stört den Lesefluss kaum. Das Ganze setzt natürlich voraus, dass der Ausgangsbeitrag von Anfang bis Ende lesenswert ist – aber das Risiko besteht in der gedruckten oder audiovisuellen Welt genauso, auch hier gehören umblättern und umschalten dazu.

Im Übrigen würde ich mir wünschen, dass, wenn Links gesetzt werden, diese auch noch in irgendeiner Form kommentiert werden, so dass ich als Leser weiß, ob sich der Klick überhaupt lohnt.

Ich meine aber dennoch, dass eher ein Altes Problem hinter diesem vermeintlich neuen steckt: Journalisten werden einfach im Arbeitsalltag zu wenig Zeit haben, Originalquellen oder andere relevante Links zu recherchieren. Zudem könnte ich mir vorstellen, dass die unsichere Rechtslage in Bezug auf Links manche Verlage im Zweifelsfall dazu tendieren lässt, lieber keine Links zu setzen, bevor man mit der teuren und zeitaufwändigen Prüfung der Rechtefrage beginnt.

Unsere Studie unter Journalisten hat ja ergeben, dass es Journalisten mehrheitlich erlaubt ist, auf externen Content zu verlinken, dass es aber Vorbehalte gibt, diese Chance auch zu nutzen. Vorbehalte bestehen hauptsächlich wegen unklarer Quellenangabe und damit verbundener mangelnder Glaubwürdigkeit.

Warum Journalisten (und Verleger) lernen werden, das Web zu mögen. Eine Replik.

Martin Recke hat in seinem Blog die Journalisten zu schlesischen Webern erklärt und meint den Trend zu erkennen, dass es eines Tages keine Journalisten mehr gibt, weshalb die Journalisten das Web schon heute nicht mögen. Robert Basic schrieb daraufhin seine ellenlange Gedanken in seinem Blog, Tendenz ähnlich.

Ich dagegen glaube, dass wir Journalisten auch weiterhin brauchen, bei den Medien und auch im Internet! Positivistisch gesehen hatte der beschränkte Umfang des redaktionellen Platzes bei den traditionellen Medien den Vorteil, dass die Zahl der veröffentlichten Themen beschränkt werden musste. Idealistisch gesehen brachte das den Vorteil, dass man sich als Leser, Hörer oder Zuschauer nicht mit einer Flut von Themen herumschlagen musste. Kritisch, aber unvermeidbar: Man musste sich  auf die Journalisten verlassen, die den Nachrichtenstrom daraufhin filterten, was wichtig ist – also was ist lediglich als Nachricht mitteilenswert, was bedarf Hintergrundinformationen, was ist so wichtig, dass es der Aufmacher ist usw.

Diese Einordnung und „Reduktion von Komplexität“, wie die Medienwissenschaftler sagen, kann durchaus auch eine Aufgabe für Journalisten im Web darstellen. Hunderte abonnierter Feeds, aber keiner sagt mir, welcher wichtig ist. Feeds, die ich alle selbst abonniert habe, das Überraschende, Spannende bleibt deshalb aus; Interessantes am Rande, das mich vielleicht auch interessieren würde, taucht nicht mehr auf.

Es folgt nun das Problem, dass meiner Ansicht nach viele große Print-Verlage und -Medien damit gescheitert sind, die technologischen Möglichkeiten des Web zu erkennen, geschweige denn zu verstehen. Deshalb probierten sie es einfach damit aus, ihren bisherigen Print-Content mehr oder weniger schön ins Web zu stellen. Davon hatten die zeitunglesenden Webnutzer aber wenig, denn das, was sie im Web lesen konnten, fanden sie auch in der Zeitung wieder.

Insofern wünsche ich mir eigentlich Portale mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen (so wie es bei Zeitungen die Süddeutsche Zeitung, die FAZ und die taz gibt) in denen Journalisten das Web daraufhin durchforsten, was wichtig ist und es entsprechend in lokale, regionale, nationale oder globale Zusammenhänge einordnen. Dabei ist es natürlich wichtig, nicht nur Links oder Feeds anzubieten, denn die manuelle Leistung des Journalismus soll in dem Fall darin liegen, „mir meine Welt zu erklären“ ohne dass ich mühsam eine Originalquelle nach der anderen aufsuchen muss. Zoomer ist das andere extrem, das dies vollautomatisch versucht, wobei ich der automatischen Zusammenstellung von Titelseiten nach Klickraten nichts abgewinnen kann. Der menschliche Faktor ist das, was den Journalismus interessant macht .

Das Schöne in der Webwelt ist aber natürlich, dass die Originalmeldung nur einen Mausklick entfernt ist, und da wundert es mich doch, wie schwer es den Machern der alten Medien fällt, Links zu setzen oder Inhalte einzubetten.

Journalisten mögen das Web!

Das Web ist für sie derzeit häufig leider auf eine schnelle Nachschlage- und Informationsmaschine reduziert. Journalisten haben nur selten die Chance, das Web produktiv für die Contentaufbereitung- und Darstellung zu nutzen, solange die Verleger nicht die Möglichkeit bieten, die neuen Technologien entsprechend einzusetzen. Im Browser Wikipedia aufrufen und über einen RSS-Feed die neuesten Presseinfos abrufen ist aber auf Dauer mit Sicherheit zu wenig – für Verleger und Journalisten.

vibrio/Oracle Studie zur Nutzung von Web 2.0 Tools durch Journalisten [Updates]

vibrio hat heute Abend die Studie vorgestellt, die im Auftrag von Oracle Deutschland durchgeführt wurde. Die wesentlichen Ergebnisse:

  • Web 2.0 Tools sollten in die reguläre PR-Arbeit integriert werden.
  • Dabei muss der Fokus auf „alten“ Technologien wie Blogs, Wikis und Social Communities liegen.
  • Multimediale Inhalte können traditionelle Inhalte ergänzen, werden aber vorerst nur von wenigen Journalisten genutzt. Der Fokus muss unverändert auf Text und Bild liegen.
  • Begleitende, vertrauensbildende Maßnahmen sind zu definieren (Copyright-Informationen, Verzicht auf Anonymität, Definition von Kommunikationsregeln).
  • Die große Gruppe der Web 2.0-resistenten Journalisten darf nicht vergessen werden. Das Web 2.0 ist derzeit kein Ersatz für klassische PR-Arbeit.
  • Das Web 2.0 als interaktives Kommunikationsinstrument gegenüber Journalisten funktioniert heute nur in kleinen, weitgehend geschlossenen Benutzergruppen. Noch ist der Redaktionsbesuch wichtiger als jedes Blog.

Insgesamt wurden im Mai 2008 1.180 Journalisten aller Medienkategorien (Print, Online, Fernsehen, Hörfunk, Fachpresse) zur Teilnahme eingeladen, von denen 82 alle Fragen beantworteten.

Eine Zusammenfassung der Auswertung ist bei Scribd verfügbar. In Kürze wird die vollständige Analyse auch auf vibrio.eu veröffentlicht.

Update: Wir haben die Präsentation nun auch auf www.issuu.com hinterlegt und probieren, ob sich das besser einbetten lässt. Einfach drauf klicken, dann kann man etwas lesen.

Tagesschau blog – lesen!

Unglaublich, welche Transparenz, Offenheit und Kritikfähigkeit die alte Dame ARD hier auf einmal an den Tag legt. Offenbar haben die diversen „Schaltkonferenzen“ und Gremien der Arbeitsgemeinschaft öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten Deutschlands das Blog noch nicht als ihr Betätigungsfeld entdeckt.

Erstes Beispiel: Ich hab ja die Ausgabe der Tagesthemen nicht gesehen, als ein Bild mit falscher Deutschlandfahne eingeblendet wurde. Dennoch war dies natürlich und am schnellsten im Internet aber auch bei Deutschlands größter Tageszeitung Thema. Daraufhin wurde hier mit ausführlicher Offenheit erklärt, wie diese Panne passieren konnte: http://blog.tagesschau.de/?p=1155

Damit nicht genug: Als sich in der Folge des Blogeintrags in den Kommentaren eine Diskussion darüber entsponn, ob es gerechtfertigt war, in den späteren Ausstrahlungen und für die Archivierung den Fehler zu korrigieren, wurde im Blog erneut Stellung bezogen: http://blog.tagesschau.de/?p=1156

Zweites Beispiel: Ein nahe am Kommentar angesiedelter Blogeintrag, der sich mit den Hintergründen um die Aufstockung der Afghanistan-Truppe der Bundeswehr um 1.000 Mann beschäftigt. Diesen Beitrag hätte man eigentlich mehr in der Berichterstattung einer Tageszeitung vermutet, weniger im Blog der Tagesschau. Im Fernsehen hätte dieses Thema wohl gar keine Chance, denn diese Analyse wäre wohl nicht bildträchtig genug: http://blog.tagesschau.de/?p=1157

Also ziehe ich den Hut vor der alten Dame ARD mit ihrem jungen Tagesschau Blog, ich bleibe weiter dran – zumindest solange nicht das anstaltsimmanente Diktat der Ausgewogenheit und Einstimmigkeit jegliche Individualität und Meinungsäußerung wieder bis zur Langeweile platt macht.

Das Video mit der falschen Deutschlandflagge gibts natürlich bei YouTube: