„Compaq ist nicht so alt geworden wie Nixdorf“

Interview mit Dr. Hartmut Fetzer – Teil 2

Hartmut Fetzer, zuletzt Vorstand der Ferrari electronic AG, ist zum 31. Dezember 2011 nach achtzehn Jahren aus dem Tagesgeschäft des Unternehmens ausgeschieden. Zuvor war er unter anderem bei Nixdorf auf Vorstandsebene und in den frühen neunziger Jahren im Umfeld der ehemaligen DDR-Computerfirma Robotron tätig. Im zweiten  Teil seines Gesprächs mit Michael Kausch geht es um Bill Gates, den deutschen Sonderweg der mittleren Datentechnik und das Ende von Nixdorf als selbständige Firma. (Teil 1 des Interviews ist hier verfügbar.)

Wie muss man sich diese sehr erfolgreiche Frühphase der Firma Nixdorf vorstellen? Mich erinnert das ein wenig an meine eigenen frühen Jahre bei Microsoft. War Nixdorf ein früher deutscher Bill Gates?

Im Vergleich zu Bill Gates war Heinz Nixdorfs Führungsstil nach innen schon sehr dominant. Ich kenne Bill Gates ganz gut aus mehreren Zusammenkünften. Er zog in den 80er Jahren mit seinem deutschen Statthalter Christoph Wedell durch die Lande und versuchte, alle Leute von seinem Betriebssystem und seiner Software zu überzeugen. Es gab ja auch Wettbewerber, wie zum Beispiel Digital Research. Die waren technisch besser, aber nicht so erfolgsversessen: Als ich sie in Kalifornien besuchte, hing an der verschlossenen Eingangstür ein Zettel mit etwa folgendem Text: “Sorry, we are surfing at the beach, the rear door is open, beer is in the ice box, will be back soon.” Bill Gates riet damals stark von Unix ab und argumentierte, wenn keine Firma hinter einem Betriebssystem steht, funktioniert das auf Dauer nicht. Da hat die Zeit ihm Recht gegeben. Wir sagten damals zu seiner Software: Okay, das könnte man als eine Basis nehmen. Aber technisch war Microsoft einfach noch nicht reif für die bei Nixdorf eingesetzte mittlere Datentechnik.

War diese mittlere Datentechnik nicht ein deutscher Sonderweg, der sich noch heute auswirkt? Zum Beispiel in der lange Zeit großen Bedeutung von Unix und sogar OS/2 im deutschen Mark und dem späteren Erfolg von Linux hierzulande? Ist diese mittlere Datentechnik vielleicht sogar ein wenig schuld am Niedergang des IT-Standorts Deutschland?

Nun ja, die “mittlere Datentechnik” war schon ein Sonderweg. Ein Kennzeichen des Ansatzes war, dass wir nicht nur Computer geboten haben, sondern von Anfang an Lösungen. Zum Beispiel ein Programm für die Buchhaltung zusammen mit dem Computer, den man dazu braucht. Es gab auch amerikanische Anbieter, wie Data General, aber sie haben das nicht in der gleichen Konsequenz umgesetzt wie wir. In Deutschland gab es neben Nixdorf auch Kienzle, Triumph Adler und weitere Firmen. Das hat Deutschland herausgehoben, dass wir gleich eine ganze Handvoll von Anbietern hatten. Später hat Nixdorf Comet herausgebracht, ein kaufmännisches Softwarepaket mit Varianten für verschiedenste Branchen. Das war ein sehr großer Erfolg und war Vorbild für andere große deutsche Firmen. Vor allem eine davon gibt es heute noch.

Dr. Hartmut Fetzer CeBIT

Bild: Hartmut Fetzer bei einer Entwicklungsarbeit besonderer Art (CeBIT 2005)

 

 

Aber die Firmen, die Sie nannten, existieren heute ebenso wenig wie eine Olivetti oder eine Ruf…

Richtig, das ist das Kennzeichen, das alle diese Firmen der mittleren Datentechnik verbindet. Denken Sie auch an andere große amerikanische Firmen wie Digital Equipement, Control Data, Borrough oder Unisys. Das heutige Unternehmen Unisys hat mit dem von damals nichts mehr zu tun. Mein erster Großrechner war eine Unisys mit einem Trommelspeicher. Die Maschine stand in der Uni Stuttgart. Ich bin da immer hingefahren und hatte dann irgendwann in der Nacht Rechenzeit, um meinen EXAPT-Compiler zu testen. Genaugenommen gibt es aus dieser Zeit genau zwei Überlebende, die gleichzeitig die Branchengrößten sind: Hewlett Packard und IBM.

Warum hatten die deutschen Unternehmen keine Überlebenschance?

Der Markt war zu klein. Diese Unternehmen waren sehr erfolgreich in Deutschland, aber nicht weltweit. Dazu kam, dass IBM immer das Maß aller Dinge war und die Standards setzte. Egal, ob es sich um Magnetbandlaufwerke oder Floppies handelte – auch Nixdorf hätte das entwickeln können. Aber die Industrie wartete ab, bis IBM den Standard definierte. Der war dann für alle verbindlich. Und dann ging es darum, das nachzuentwickeln, Features draufzusetzen oder billiger zu produzieren. Der Name Nixdorf existiert ja bis heute bei Geldausgabesystemen und Kassen. Die Kassen sind mein spezielles Baby gewesen, da bin ich schon so etwas wie der “Vater”. Wir waren die ersten, die 8-Bit-Mikroprozessoren in Kassen eingesetzt haben. Wir waren hier erfolgreicher als die IBM, aber es fehlte dennoch an Volumen.

Heinz Nixdorf legte doch auch großen Wert darauf, selbstständig zu sein?

Ja, er wollte nie hundertprozentig kompatibel sein. Der Ansatz von IBM und Burroughs war ja immer, einen Großrechner mit dummen Terminals aufzubauen. Dagegen hat Nixdorf quasi die Vorform des Personal Computers gesetzt. Dieser Begriff kam zwar später von IBM, aber IBM hat dieses Geschäft eigentlich nie geliebt. Nicht von ungefähr hat es die Sparte schließlich auch an die Chinesen verkauft.

Ich glaube auch, IBM hat das Geschäft mit PCs nie verstanden.

Auch das ist richtig. – Dennoch: Der PC hat für eine starke Standardisierung gesorgt und Hardware erheblich preiswerter gemacht. Es war kein Problem für Nixdorf, einen PC als Produkt anzubieten. Wir haben das ja auch gemacht. Zugleich kam man damit in der Argumentation für die Kernprodukte aber in eine defensive Situation. Die Marke hat an Identität verloren. Plötzlich war Compaq der Angreifer. Irgendwann war das nicht mehr aufzuhalten. Dennoch, die Randbemerkung sei erlaubt: Wenn man nachrechnet, ist das Unternehmen Compaq an Jahren nicht so alt geworden wie das Unternehmen Nixdorf.

Kamen die späteren Probleme von Nixdorf eher mit dem Paradigmenwechsel in der IT als wegen des plötzlichen Todes von Heinz Nixdorf 1986?

Auch als er noch lebte, verging keine Vorstandssitzung ohne Überlegungen, mit wem man sich zusammenschließen konnte. Mit der deutschen Nische kam Nixdorf auf dem internationalen Markt nicht durch. Der Paradigmenwechsel hat diese Schwierigkeiten beschleunigt.

Später verantworteten Sie bei Nixdorf auch das Marketing. War das dann schon unter Heinz Nixdorfs Nachfolger Klaus Luft?

Ja, da gab es einige Veränderungen. Ich war aber nur für das technische Marketing zuständig. Stärkeres Gewicht hatte die Verantwortung für die gesamte Produktion.

Haben Sie noch die Fusion mit Siemens mitgemacht?

An den Tag, an dem bekannt gegeben wurde, dass Siemens sich mehrheitlich an Nixdorf beteiligt, kann ich mich genau erinnern, denn das war mein 50. Geburtstag im Januar 1990. Der Aufsichtsratsvorsitzende fragte beim Kartellamt die Genehmigung an. Es wurde dann ein spannendes dreiviertel Jahr lang über die Struktur der vereinten Firma beraten. Es gab natürlich viele Dopplungen im Portfolio. In vielen Bereichen hatten die Firmen unterschiedliche Ansätze. Es musste geklärt werden, welche Produkte überleben sollten. Siemens hatte beispielsweise bereits drei Produktlinien bei Telefonanlagen. Die von Nixdorf wäre die vierte gewesen, deren Entwicklung wurde also sofort gestoppt. Und es gab natürlich weitere Gedanken zu Synergien mit allen Konsequenzen. Die Übernahme wurde zum 1.10.1990 rechtskräftig, das ist der Beginn des Geschäftsjahres bei Siemens, auch heute noch. – Was meine Person angeht, kann ich sagen, dass ich noch den letzten Tag, den 30.09., als Mitarbeiter von Nixdorf mitgemacht habe, den ersten Tag bei Siemens aber nicht mehr.

Die weiteren drei Teile Gesprächs von Michael Kausch mit Dr. Hartmut Fetzer können Sie auf dem Ferrari electronic Blog lesen. Am Freitag, 20. Januar, erfahren Sie dort, wie Hartmut Fetzer im Umfeld der ehemaligen DDR-Computerfirma Robotron wirkte und auf Ferrari electronic aufmerksam wurde.

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